#1 RE: Eheprotokolle verpflichtend? von 1975reinhard 12.06.2013 10:13

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Liebe Forumsmitglieder,

waren die Eheprotokolle früher eigentlich verpflichtend, d.h. wer heiraten wollte, musste sich die Genehmigung der Herrschaft einholen und das wurde im Heiratsprotokoll schriftlich festgehalten?
Oder wurde ein Eheprotokoll nur geschrieben, wenn die Brautleute vermögensrechtliche Dinge o.ä. regeln wollten; die Herrschaft also als eine Art Notar fungierte?

Wie gebt ihr ein herrschaftliches Eheprotokoll in eure Ahnenforschungssoftware ein? Als standesamtliche Trauung (GEDCOM-Tag MARR CIVIL) oder als Ehevertrag (GEDCOM-Tag MARC)?

Viele Grüße
Reinhard

#2 RE: Eheprotokolle verpflichtend? von Uschi_B 22.07.2013 20:32

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Hallo Reinhard!
Ob die Eheprotokolle verpflichtend waren, kann ich nicht sagen. Ich denke aber, es gng dabei hauptsächlich um finanzielle Absicherungen. Allerdings dürfte das je nachdem wo man lebte, ganz unterschiedlich gewesen sein.
Ich habe jede Menge Eheprotokolle, aber seperat in Ordnern. Auch alle Testamente, Verlassenschaftsbhandlungen etc. Wenn dann gebe ich höchstens Stichwörter in die Ahnenforschungssofware ein. Gerade in de Zeit, bevor es Matriken gab, ist das auch ein Beweis, wer wen geheiratet hat. Aber der ganze Text wäre mir zuviel. Bei denen, die ich habe, ging es übrigens hauptsächlich um "das eingebrachte Hab und Gut".
Liebe Grüße
Uschi

#3 RE: Eheprotokolle verpflichtend? von Leopold Strenn 23.07.2013 19:05

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Lieber reinhard!

H. Feigl hat in der "Die niederösterreichische Grundherrschaft" einiges geschrieben:

Quelle: Feigl: Die niederösterreichische Grundherrschaft, St. Pölten 1998
Seite 48 - 49


„Die Vornahme der Trauung war eine ausschließlich kirchliche Angelegenheit, aber allen Priestern war strenge aufgetragen, diesen Akt nur dann vorzunehmen, wenn vorher die materiellen (…) Angelegenheiten von der weltlichen Obrigkeit geregelt waren. ……“

„Einer Eheschließung ging der Abschluss eines Heiratsvertrages voraus, der in der Anwesenheit des Bräutigams und seiner Beistände sowie der Eltern oder Vormundschaft der Braut erfolgte.“

Die Eheverträge umfassten folgende Bestimmungen:
1. Abgabe des Eheversprechens und Festsetzung der frist oder des Datums der Eheschließung
2. Bestimmung über Mitgift bzw. Eheausstattung der Braut.
3. Festsetzung der Widerlage
4. Versprechen der beiden sich als Verlobte zu betrachten und zu benehmen

„Den grundherrlichen Organen oblag die Genehmigung der Eheschließung und die Beurkundung des Heiratsvertrages. Da kaum Beschwerden wegen Verneigerung des Ehekonsenses vorliegen, dürfte es sich bei Inhabern behauster Güter um eine Formsache gehandelt haben. Verhindern allerdings wollte man das Zusammenheiraten von Angehörigen der dörflichen und der städtischen Unterschicht, die weder über eine entsprechende Wohnung noch über die finanziellen Voraussetzungen verfügten, um Kinder ordentlich aufziehen zu können.

Auch die Bauern und Bürger, die Dienstboten benötigten, waren daran interesiert, daß ihre Knechte und Mägde unvermählt blieben, da bei der Beschäftigung weiblicher verheirateter Dienstboten die Schwangerschaften, das Stillen und der für die Kinder notwendige Zeitaufwand die Arbeitsleistung minderte.

Die durch dieses de facto Heiratsverbot für die sozialen Unterschichten zu erwartende hohe Zahl an unehelichen Kindern wurde durch religiöse Unterweisung, aber auch durch weltliche Strafen eingedämmt: Geschlechtliche Beziehungen zwischen Unverheirateten wurden als Fomikation mit Geldstrafen geahndet, wobei auch der Hauswirt miteinbezogen wurde, weil er zu wenig auf Sitte und Tugend achtete; die unverheiratete Mutter war gesellschaftlich geächtet, schwangere Mägde durften, ja sollten auf der Stelle entlassen und aus dem Haus gewiesen werden u. a. m.

Maria Theresia hatte den herrschaftlichen Ehekonsens 1765 abgeschaffte,Dieses Gesetz führte in Niederösterreich zu keiner Änderung der bestehenden Rechtsgewohnheiten.“

#4 RE: Eheprotokolle verpflichtend? von Gundacker 24.07.2013 06:32

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Hallo Reinhard,

Ein weiterer wichtiger Punkt eines Ehevertrages war zu bestimmen, was mit dem Vermögen zu geschehen hat, wenn Kinder vorhanden sind oder auch nicht; mit oft eigenem Punkt, wenn Kinder aus Vorehen bereits vorhanden waren. Auch Benutzungsrechte (meist für Ausnehmer) oder Vorkaufsrechte (HS Litschau, 1747-1765, folio 140, 15.1.1753: ... fünfftens: haltet Ihme der Brauth Vatter bevor, infahl er Brautigam das Haus mittler Zeit verkauffen solte, jennes denen Hinckischen Freunden zu erkhauffen ....) oder Extrazahlungen (HS Litschau, 1747-1765, folio 155, 7.10.1753: ... fünfftens verobligiren sich die junge Brauth Leith des Brautigambs seiner Mutter, nahmens Maria von den Haus 20f in baaren geldt hinaus zu bezahlen. Nicht Minder des Brautigambs Bruder Antonj, hat er Brautigam 1 paar Ochsen bis in das 3 Jahr mit seinen Fuetter auf zuziehen Nach Verflus deren 3 Jahren aber hat er Antoni Habersohn die Öchsel zu verkhauffen und er Haus besitzer ihme nicht das ringste mehr auf zuzihen) konnten hier vermerkt werden.

Das Problem ist nicht selten, den Ehevertrag zu finden, wenn die Brautleute aus unterschiedlichen Herrschaften abstammen.

In Inventurprotokollen finden wir hie und da Hinweise, wo und wann der Ehevertrag abgeschlossen wurde (zB in Ottenschlag oder Arbesbach), aber auch, dass aufgrund des Fehlens eines Ehevertrages das Erbe auf folgende Weise aufzuteilen war. Es muss daher auch bereits vor 1765 vorgekommen sein, dass trotz einer Verpflichtung zum Ehevertrag dieser trotz erfolgter Trauung nicht geschlossen war oder wurde (denn in wenigen kuriosen Fällen fand ich Heiratskontrakte, die kurz nach der kirchlichen Trauung abgeschlossen wurden). Möglicherweise gab es hier auch regionale oder grundherrschaftliche Unterschiede (HS Litschau, 1747-1765, folio 134, 6.1.1753: ...... seint aber Vierttens Eheleibliche Kinder verhanden, so wird der Verlassenschafft halber, zwischen denen Eltern und Kindern alles den üblichen Landts: und Herrschaffts gebrauch nach abgehandelt werden. Verkhundt dessen Gste Canzley Litschau den 6. Jenner 753).

Mir ist aus dem Waldviertel kein einziger Fall bekannt, wo die Herrschaft den Eheconsens verweigerte. Umgekehrt schon: Pfarre Weikertschlag, Tom 1, Trauungen, folio 5, 2. Eintrag: der in Latein gehaltene Text beschreibt, dass die Trauung zwischen Mathias Hagen und Susanna Fabigan, beide ledig, wegen schwerster Bedenken und ihres verlotterten Vorlebens nicht geschlossen werden durfte. Mathias heiratete eine andere, und auch Susanna heiratete 1763 - da war ihr verlottertes Vorleben wohl kein Hindernis mehr.

Mit besten Grüßen,
Felix Gundacker

#5 RE: Eheprotokolle verpflichtend? von Uschi_B 24.07.2013 08:22

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Hallo!
In Tirol nannte man die nach der Ehe geschlossenen Verträge "Heimsteuerbriefe".
Liebe Grüße
Uschi

#6 RE: Eheprotokolle verpflichtend? von 1975reinhard 24.07.2013 16:32

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Euch allen herzlichen Dank für die interessanten Antworten!

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